Cyanobakterien in Berliner Seen
Aufklären im kalten Nass: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) stürzten sich heute bei niedrigen Temperaturen und starkem Wind in die Fluten des Müggelsees. Mit der Aktion wenden sich die Wissenschaftler gegen Panikmache gegenüber Cyanobakterien und wollen gleichzeitig dazu auffordern, selbst genau hinzuschauen. Denn die Wasserqualität kann sich an heißen Tagen stündlich ändern. Anleitungen gibt es in einem neuen Faltblatt und einer Internetseite www.cyano-berlin.de.
Cyanobakterien können sich bei hohen Temperaturen in nährstoffreichen Seen massenhaft vermehren. Einige Arten produzieren giftige Substanzen (Cyanotoxine). "Wie bei allen Naturstoffen ist die Giftigkeit aber eine Frage der Dosis", so Claudia Wiedner vom IGB. Nur wenn viele Cyanobakterien auftreten, kann die Konzentration des Giftes so hoch werden, dass eine Gefahr für den Menschen besteht, besonders für Kinder.
Obwohl sich die Wasserqualität in den meisten Seen der Region in den letzten Jahren sichtbar verbessert hat, ist es dennoch wichtig, gut informiert zu sein, um im Ernstfall selber entscheiden zu können, ob das Wasser zum Schwimmen geeignet ist. Ein Faltblatt liegt hierfür an allen Strandbädern aus. Es dient zur Entscheidungshilfe und wurde gemeinsam von Wissenschaftlern des IGB, der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, dem Kompetenzzentrum Wasser Berlin, den Berliner Wasserbetrieben, dem Umweltbundesamt und der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz herausgegeben.
Hintergrund:
Cyanobakterien sind kleinste Bakterien. Weil sie wie Pflanzen Photosynthese betreiben können, zählten sie früher zu den Algen, daher der veraltete Name "Blaualgen". Sie gehören zu den Urwesen auf unserem Planeten und kommen seit geschätzten zweieinhalb Milliarden Jahren vor. Ihnen verdanken wir, dass es Sauerstoff in der Atmosphäre gibt. Sie haben also die Grundvoraussetzung für Leben auf der Erde geschaffen. Cyanobakterien sind auch in unseren Seen und Flüssen ein natürlicher Bestandteil der Lebensgemeinschaften. Ihre Artenvielfalt und Biomasse nimmt mit dem Nährstoffgehalt im Wasser zu. Menschliche Einflüsse wie Überdüngung oder Einleitung von Abwasser haben zu einer Nährstoffanreicherung (Eutrophierung) in vielen Gewässern geführt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde durch Ausbau der Kläranlagen, verminderten Einsatz von Düngemitteln und phosphatfreie Waschmittel der Eintrag von Nährstoffen in die Gewässer stark vermindert. Darüber hinaus wurden in ausgewählten Seen Nährstoffe entfernt oder in eine für Gewässerorganismen nicht verfügbare Form umgewandelt.
Schließlich zeigen die Investitionen der Berliner Wasserbetriebe in die Verbesserung der Abwasserbehandlung deutliche Wirkung. (s. Abb.)
Der Erfolg dieser Maßnahmen zeigt sich an einer zunehmenden Anzahl von Seen, deren ökologischer Zustand und damit auch die Badegewässerqualität sich verbessert: Die Biomasse des Phytoplanktons und insbesondere der Cyanobakterien geht erfreulicherweise zurück und damit auch Cyanotoxin-Konzentrationen. In vielen Badeseen sind sie über weite Teile der Badesaison unbedenklich. Allerdings trifft dies nicht auf alle der mehr als 5.000 Seen in Berlin und Brandenburg zu. Bei den Seen, die auf dem Weg der Genesung sind, ist dies ein Trend - keine gesicherte Situation. Schwankungen im Aufkommen von Cyanobakterien und -toxinen von Jahr zu Jahr sind nicht vorhersagbar - und schon gar nicht kurzfristige Aufkonzentrationen.
Cyanobakterien freut der Klimawandel: Insbesondere eine Gruppe von Cyanobakterien profitiert von der Erwärmung, die der Nostocales (Stickstofffixierer). Das können sowohl heimische als auch Arten aus tropischen Regionen sein, die sich bis in unsere Seen ausgebreitet haben. Deren Langzeitentwicklung untersuchen derzeit Wissenschaftler unter Federführung des IGB in dem Gemeinschaftsprojekt NOSTOTOX zusammen mit der BTU Cottbus und dem Umweltbundesamt.
Kontakt:
Nadja Neumann
Pressesprecherin
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Müggelseedamm 310, 12587 Berlin, Tel.: 030/64181631, E-Mail: nadja.neumann@igb-berlin.de
Claudia Wiedner
Verantwortliche Wissenschaftlerin
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Alte Fischerhütte 2, 16775 Stechlin, Tel.: 033082/69963, E-Mail: c.wiedner@igb-berlin.de
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